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Brief aus Istanbul VIII

Ragip Zarakolu ist Menschenrechtler

Ragip Zarakolu ist Menschenrechtler

Guten Tag, Weilburg! (26.04.2011) Heute treffen wir Ragip Zarakolu, Karins Freund von der Armenier-Kundgebung vor zwei Tagen. Ragip ist als Sohn des dortigen Gouverneurs auf der Prinzeninsel Heybeli aufgewachsen, die wir vor ein paar Tagen besucht haben. Dort lebten schon immer auch viele Griechen und Armenier. Ragips Sensibilität für die Situation der kulturellen Minderheiten in der Türkei ist ihm also quasi in die Wiege gelegt.

Ragip liebt sein Land und dessen Menschen, besonders aber seine Heimatstadt Istanbul. Und sein Leben ist geprägt von einem starken Bedürfnis nach Gerechtigkeit und dem Wunsch, dass in seiner Heimat alle Menschen die gleichen Rechte haben sollen. Deshalb setzt er sich seit seiner Jugend für diese Ziele ein, für Presse- und Versammlungsfreiheit, für das Recht eines jeden, seine Sprache zu sprechen, seine Religion zu pflegen oder auch nicht, seine Lieder zu singen und seine Bücher zu lesen.

Konstruktive Kritik oder „Verunglimpfung“?

Kurz: Ragip Zarakolu ist, was man einen Menschenrechtler nennt. Dafür war er schon oft im Gefängnis und durfte insgesamt 20 Jahre lang sein Land nicht verlassen. Auch heute muss er sich von Zeit zu Zeit noch wegen des schwer wiegenden Vorwurfs „Verunglimpfung der Türkei“ verantworten.

Denn Ragip betreibt einen eigenen Verlag, in dem er Bücher herausgibt, deren Inhalt mitunter so interpretiert wird, dass er aufgrund dieses Paragrafen strafbar sein könnte. Wer zum Beispiel Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit fordert, unterstellt damit, dass es diese Menschenrechte in der Türkei nicht gebe. Ragip veröffentlicht auch Bücher über Minderheiten wie die Armenier und von Schriftstellern, die diesen Minderheiten angehören, und manche der Aussagen in diesen Büchern werden von seinen Gegnern als „Verunglimpfung der Türkei“ interpretiert. Außerdem gibt er ausländischen Pressevertretern Interviews und nimmt an internationalen Symposien teil.

Im persönlichen Kontakt strahlt Ragip Zarakolu Wärme und Freundlichkeit aus. Ein kleiner, rundlicher Mann mit krausem weißem Haar und fortgeschrittener Glatze, aufmerksamem Blick und vielen Lachfalten. Er hört lieber zu als zu reden und wenn er spricht, dann behutsam und darauf bedacht, sein Gegenüber mit Respekt zu behandeln. Kein Kampfeseifer, kein Zynismus, nur hin und wieder ein leichter ironischer Unterton.

Ragip geht mit uns vom Schiffsanleger, wo wir ihn getroffen haben, durch den Stadtteil Karaköy. Unterwegs macht er uns auf einiges aufmerksam. „Hier war früher eine Kirche der türkischen orthodox-christlichen Gemeinde“, sagt er, und da erst sehe ich das Kreuz auf der Tür. Orthodoxe Türken? Ja, die gab es, aber man hört nicht mehr viel davon. Ein Stück weiter steht eine armenische Kirche. Ein schön restauriertes Jugendstilhaus sticht aus den grauen Bauten der Umgebung hervor und Ragip erzählt, dass immer mehr der Häuser in dieser Gegend restauriert werden.

Schicksale in Schwarz-Weiß

Unser Ziel ist ein ehemaliges Tabaklager, das „Depo“. Der Sohn des Tabakunternehmers hat es als Galerie ausbauen lassen und stellt es Künstlern zur Verfügung. Hier soll heute eine Ausstellung des armenischen Fotografen Antoine Agoudjan mit dem Titel „Brennende Augen – Erinnerungen der Armenier“ eröffnet werden.

Im Hof vor dem „Depo“ stehen und sitzen viele überwiegend junge Leute und rauchen. Drinnen herrscht – wie übrigens überall in der Öffentlichkeit in der Türkei – Rauchverbot. Dort finden wir ein Publikum vor, das auch irgendwo im Frankfurter Studentenviertel zuhause sein könnte. Junge und ältere Intellektuelle, kein einziges Kopftuch. Ragip wird immer wieder mit Umarmungen begrüßt, er ist hier in seinem Element.

Die großen schwarz-weißen Fotos an den Wänden sind sehr eindrucksvoll. Sie zeigen Schmerz und Vertreibung, Zorn und Freude, Menschlichkeit und Gewalt. Aber die Bilder stammen alle aus den letzten zehn Jahren und zeigen Szenen in Jerusalem und Syrien, im Iran und auch in der Türkei, nicht aber die tatsächliche Vertreibung der Armenier, auch wenn man das auf den ersten Blick meinen könnte. Ich frage nach: Wird so etwas nicht als Verunglimpfung angesehen? Nein, erklärt Karin, das fällt unter künstlerische Freiheit, solange nicht explizit die Türkei angegriffen wird.

Als wir das Haus verlassen, steht draußen Polizei. Also doch? Ragip geht auf einen der Männer in Zivil zu, einen mit Sprechfunkgerät. Er kennt ihn offenbar. Der Mann erklärt: Sie wurden gerufen, von den Ausstellern. Denn ein paar Nationalisten sind in der Ausstellung aufgetaucht und haben Aggressionen angedroht. Davon haben wir nichts mitbekommen, aber mit so etwas muss man bei einer solchen Ausstellung rechnen. In diesem Fall schützt die Polizei die Ausstellung.

Brüderliche Volkslieder

Wir fahren in den Statteil Maslak. Dort gibt es heute ein Konzert der Gruppe „Kardes Türküler“, zu Deutsch „Brüderliche Volkslieder“. Ragip erklärt: Die Gruppe entstand in den 90er Jahren an der Bosporus-Universität. Nach dem Militärputsch von 1980 gab es in der Türkei aggressive Auseinandersetzungen um ethnische Minderheiten (besonders um die Kurden). Die Mitglieder von „Kardes Türküler“ stammen selbst aus mehreren dieser Minderheiten und singen in deren Sprachen – demonstrativ, um diesen Sprachen Gehör zu verschaffen.

An diesem Abend heißt das Programm „Cocuk Hakli“ (zu Deutsch: Das Kind hat Recht“). Dabei geht es um die Rechte der Kinder von Minderheiten – nicht nur in der Türkei. Im Mittelpunkt steht ihr Recht, in Frieden aufzuwachsen. Die Lieder werden auf Arabisch gesungen, wenn es um Palästinenserkinder in Israel geht, auf Tschetschenisch, Armenisch, in beiden kurdischen Sprachen, auf lazisch, das ist der Dialekt vom Schwarzen Meer, und natürlich auf Türkisch. Alle Lieder drehen sich um die Themen Frieden und Völkerverständigung, und viele werden begleitet von Tänzen einer Gruppe junger Leute in stilisierten Volkstrachten der Bevölkerungsgruppen, um die es jeweils geht.

Die Musik ist mitreißend und temperamentvoll, und irgendwann drehe ich mich um und sehe, dass der ganze Saal voller tanzender Menschen ist. Das Publikum ist überwiegend jung, viele der Besucher sind wie wir aus anderen Ländern zu Besuch in Istanbul, Auslandstürken, die über Ostern nach Hause gefahren sind. Sie klatschen und singen mit. Alle im Saal und auf der Bühne haben so viel Spaß, dass niemand sich dem entziehen kann.

Leider kann ich keine Fotos machen, denn am Eingang gab es eine Taschenkontrolle, und Karin und ich mussten unsere Fotoapparate abgeben, ebenso wie viele andere BesucherInnen auch. Aber am Ende kann ich meine Kamera wieder abholen und im Foyer des Theaters noch ein paar Bilder knipsen. Bei der Autogrammstunde trägt der beliebte armenische Sänger Arto Tuncboyaciyan ein T-Shirt, auf dem steht: „Welch ein Glück, sagen zu können: Ich bin ein Mensch.“ Das ist eine ironische Anspielung auf den Schwur, den türkische Kinder in der Schule jeden Tag vor Unterrichtsbeginn leisten und in dem es heißt: „Welch ein Glück, sagen zu können: Ich bin ein Türke.“

Zum Glück gibt es auch nachts um halbeins noch eine Fähre über den Bosporus. Istanbul bei Tag ist schön, aber Istanbul bei Nacht ist wie ein Diamant, der in allen Farben funkelt und strahlt.

Beitrag von an Samstag, 30. April 2011, 08:48:58. Gespeichert unter Foto-Galerie,Reise. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag verfolgen RSS 2.0. Sie können einen Kommentar oder eine Verlinkung hinterlassen

Eine Antwort auf Brief aus Istanbul VIII

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