Abonnement

FacebookTwitterRSS

Schwein gehabt! Bio-Schweinchen in Brandoberndorf haben‘s nett

Ein frischer Wurf kleiner Ferkel. Diese sind drei Tage alt.

Ein frischer Wurf kleiner Ferkel. Diese sind drei Tage alt.

Guten Tag, Weilburg! (19.12.2011/MK) Wer sich dem Bioland-Bauernhof Busch in Brandoberndorf nähert, sieht sie sofort. Die Schweine. Rechter Hand stehen, laufen, liegen sie in der Sonne. Auf einem großen Feld, umzäunt und mit niedrigen Elektrozäunen in geräumige Parzellen unterteilt. Auf jeder Parzelle ein kleines Häuschen, fast wie eine Höhle, in  die sich die Tiere zurückziehen können, wenn sie schlafen wollen oder wenn es ihnen kalt wird.

„Die Hütten sind nicht geheizt, aber gut isoliert. Wenn ein Schwein drin ist, heizt es sie mit seiner Körpertemperatur sehr schnell auf“, erklärt Anne Sponsel-Busch, die mir die Anlage zeigt.

Neugierige Ferkel

Wir gehen auf das Gelände, begleitet von Ella, einem schwarzen, zotteligen Hütehund.  Er passt immer ein bisschen auf die Schweine auf, erklärt meine Begleiterin, besonders, wenn mal eines ausbüxt.

Wie aufs Stichwort kommen uns zwei von der Sorte der passionierten Ausbüxer entgegen. Sie haben die niedrigen Elektrozäunchen überwunden und gehen nun innerhalb des eingezäunten Feldes auf Entdeckungstour. Später werden wir beobachten, wie sie die Eimer mit den gekochten Kartoffeln finden und sich erst neugierig, dann zunehmend fröhlich darüber her machen.

„Schweine sind ziemlich intelligente Tiere“, berichtet Frau Busch. „Ich hab zum Beispiel mal eins mit der Flasche aufgezogen, das hat ganz schnell spitz gekriegt, dass die Tür zu der Kammer, in der ich die Milch aufbewahre, nach außen aufging. Da ist es dann immer von selbst einen Schritt zurückgetreten, damit ich die Tür gut aufbekam, wenn Essenszeit war.“

Säue sind besser als ihr Ruf

Vorn links steht eine Muttersau mit einem Schwung Ferkel, die so etwa dreieinhalb Monate alt sind. Sie balgen sich, jagen sich, eines will immer ans Gesäuge der Mutter, aber die schubst es weg. Sie will erst mal selbst fressen. In diesem Alter fressen die kleinen Schweine ohnehin hauptsächlich das Gleiche wie die Alte.

Die Ferkel bleiben lange bei der Mutter. Erst etwa vier Wochen, nachdem sie gelernt haben eigenständig zu fressen, kommen sie auf eine andere Parzelle – die „Halbstarken-Parzelle“ – oder werden an andere Biohöfe verkauft, wo sie weiter gemästet werden. Diese hier sind bald so weit.

Von der Nachbarparzelle sind zwei Fremd-Ferkel zu Besuch gekommen. Auch sie haben die trennenden Elektrozäunchen überwunden und spielen nun mit den Nachbarstieren. „Schweine sind gesellige Tiere“, erklärt Anne Busch. „Manche Sauen ziehen auch  fremde Ferkel mit auf. Aber es gibt auch welche, die nur ihre eigenen Kleinen um sich herum dulden. Schweine können sehr individuell sein.“

Felix heißt der Eber

Haben sie bei Buschs eigene Namen? „Nein“, winkt meine Begleiterin ab. „Nur manche, die eine besondere Geschichte haben. Also solche, die wir mit der Flasche aufgezogen haben oder bei denen sonst irgendwas anders gelaufen ist als normal.“ Mathilda ist so ein ehemaliges Flaschenkind. Die schwarze Sau ist derzeit Mitbewohnerin des Ebers Felix. Dieses Vergnügen haben Sauen, nachdem sie ihre Ferkel abgestillt und sich vier bis sechs Wochen lang von ihrem letzten Wurf erholt haben.

Sie leben dann eine Zeitlang, eventuell gemeinsam mit anderen, auf der repräsentativen Parzelle des einzigen Ebers auf Hof Busch. Mathilda teilt sich die Gunst des Patriarchen mit einer anderen Sau, als ich zu Besuch auf dem Hof bin. Ob die Befruchtung geklappt hat, wissen die Buschs, wenn der Eber mit seinen einschlägigen Bemühungen nicht mehr auf Gegenliebe stößt.

Schubst „sie“ ihn bei seinen Annäherungsversuchen weg, kann man davon ausgehen, dass er bereits erfolgreich war. Dann darf sie noch ein paar Tage zu Besuch bleiben. Danach bekommt sie ihre eigene kleine Parzelle, auf der sie den Nachwuchs austrägt (drei Monate, drei Wochen und drei Tage lang: alte Bauernregel) und aufzieht.

Neu geboren im Nest aus Stroh

Auf der letzten Parzelle sehen wir, wie so was aussieht. Die Sau hat vor drei Tagen einen Wurf Ferkel bekommen, die noch in dem Schweine-Häuschen liegen und Kräfte sammeln für die kalte Welt außerhalb ihrer „Höhle“.

Das Muttertier bekommt was Leckeres zu fressen, damit wir unbehelligt einen Blick in die Kinderstube werfen können. Etwa zehn Ferkel liegen  hier im Stroh, und es ist erstaunlich, wie mollig warm es bei ihnen ist. Vor dem Eingang ist ein Brett eingeklemmt, das ihnen den Weg nach draußen noch versperrt. Es wird weggenommen, wenn die Ferkel kräftig genug sind, um auf dem Gelände ihrer Parzelle herumzutollen und sich zurechtzufinden.

„Abends spielen sie oft besonders wild. Sie jagen sich gegenseitig, verstecken sich und haben offensichtlich Spaß“, kommentiert Anne Busch.

Born to be died

Was lernen wir aus all dem? Hier „arbeitet“ der Eber noch selbst und unmittelbar am Nachwuchs. Und es kommt auch kein „Scanner“, sondern die Sau teilt dem Eber per tradierter Körpersprache mit, dass demnächst mit Nachwuchs zu rechnen ist.

„Natürlich züchten wir die Tiere, um sie irgendwann zu schlachten“, wiegelt Anne Busch romantisierende Schwärmereien ab. „Die Tiere sind zum Verzehr bestimmt. Aber ich will jedem von ihnen in die Augen sehen können und sagen: Ja, ich habe dich großgezogen, um dich zu schlachten. Aber bis dahin will ich dich anständig behandeln.“

Darum ist Bioschweinefleisch teurer

Natürlich ist es aufwändiger, Schweine unter Bedingungen zu halten und zu mästen, wie wir sie auf Buschs Bauernhof beobachten können. Die Tiere haben viel Platz, um zu spielen, zu „arbeiten“ und sich zu bewegen. Sie bekommen nur Futter, das der Hof auch selbst produziert: gekochte Kartoffeln im Winter, frisches Grünfutter im Sommer, dazu eine Mischung aus selbst geschrotetem Weizen, Hafer, Gerste, Erbsen und Lupinen. „Die Lupinen liefern das pflanzliche Eiweiß“, erklärt Anne Busch, der importiertes Soja nicht auf die Schweine-Speisekarte kommt. Und deshalb muss ein Stück Fleisch vom Bio-Bauern auch etwas teurer sein als eines aus Massentierhaltung.

Etwa alle sechs Wochen gehen zwei von Buschs Schweinen den Weg alles Irdischen: zum Metzger. Der ist nur wenige Kilometer vom Biohof entfernt und wartet immer schon auf Annes Mann Wolfgang Busch, der seine Tiere bis zum Letzten begleitet. Er assistiert auch beim Zerlegen und nimmt das Fleisch mit zurück auf seinen Hof, wo er es im eigenen Hofladen vermarktet.

Ich habe den Test gemacht und zwei Schweinesteaks in Buschs Hofladen gekauft. Sie waren zart und fest im Fleisch und sehr lecker. Und sie behielten Form und Größe, ohne Wasser zu verlieren, als ich es ins heiße Fett legte. Hmmmm!

Bleiben Sie dabei

Wir laden Sie ein, unser Redaktionsschwein in den kommenden Monaten zu begleiten. Gerne auch öffentlich über die Kommentarfunktion. Wir freuen uns auf Ihre Kommentare und gehen mit Vergnügen auf Ihre Fragen ein.

Diskutieren Sie mit, kommentieren Sie unsere Reportage, stellen Sie uns Fragen.

Hier geht’s ins Forum

 

 

Das „Redaktionsschwein“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von drei Online-Redaktionen in Deutschland:

www.mittelhessenblog.de Chris­toph Georg Baron von Gallera (so steht es korrekt im Impressum) ist gelernter Landwirt und Journalist. Von Biebertal aus macht er freien Journalismus aus Mittelhessen und ist Herausgeber des mittelhessenblog.de. Gemeinsam mit Redakteuren aus fast allen Landkreisen in Mittelhessen fasst er auch schon einmal politisch schwierige Themen an. Dazu gehörte auch der angebliche Neonaziskandal rund um die Keltensiedlung Glauberg, wo er mit der Berichterstattung bundesweite Resonanz erhielt.

www.solinger-bote.de Carsten Stoffel ist Redakteur beim solinger-bote.de, der es in noch nicht einmal einem Jahr geschafft hat, seinen festen Platz in der Solinger Medienlandschaft zu etablieren. “Meinung braucht Vielfalt an Informationen” heißt es in der Vorstellung. Neben allgemeinen Themen steht im Solinger Boten die kommunale Politik im Vordergrund. Unabhängigkeit von Verlegern, Herausgebern und Anzeigenkunden sichern dem solinger-bote.de einen kritischen Journalismus im Bergischen Land.

www.weilburger-nachrichten.de Auch die Weilburger Nachrichten, herausgegeben von Karl-Josef Schäfer, sind im dritten Jahr des Bestehens aus der alten nassauischen Residenzstadt nicht mehr wegzudenken. Das “Guten Tag, Weilburg!” zu Beginn eines jeden Beitrags wurde schnell zum festen Begriff. “Manchmal kritisch – aber immer für Weilburg” ist der Untertitel der Internetzeitung, die sich an circa 13.000 WeilburgerInnen richtet.

Beitrag von an Montag, 19. Dezember 2011, 20:26:38. Gespeichert unter Foto-Galerie,Hessen,Neues,Redaktionsschwein. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag verfolgen RSS 2.0. Kommentare sind derzeit geschlossen, Sie können aber eine Verlinkung von Ihrer eigenen Seite setzen.